Dass wir den „Basedow“, wie wir ihn an dieser Stelle kurz nennen wollen, so ernst nehmen und bei seiner Diagnose sofort in Panik die Hände über den Kopf zusammen-schlagen, hängt mit einer alten Erinnerung zusammen an die schrecklichen Bilder ungenügend behandelter Fälle, die uns die Geschichte überliefert hat. Bekannt geworden ist diese Erkrankung in Deutschland spätestens seit dem Jahr 1840, als der deutsche Arzt Carl Adolph von Basedow sie unter dem Begriff „Glotzaugenkachexie“ zusammenfasste. 

Es waren Menschen mit einer Schilddrüsenüberfunktion, deren Augen aus den Höhlen hervortraten, und die extrem abmagerten, also „kachektisch“ wurden und dann starben. Fünf Jahre vor Basedow hatte der Engländer Robert James Graves die Krankheit beschrieben, weshalb sie im englischen Sprachraum auch als Graves-Disease vorkommt. Aber es gibt noch zahlreiche andere Forscher, die sie mit ihrem Namen belegt haben, darunter Begbie, Flajani, Marsh oder Parry.

Die „Glotzaugenkachexie“ ist heute glücklicherweise so selten geworden, dass man auch den Begriff nicht mehr verwendet. Vereinzelt aber sieht man im Stadtbild noch Menschen, die mit hervorgetretenen Augen hektisch an uns vorüber hetzen. Der Basedow selbst ist ja noch eine sehr häufig Krankheit, jeder 30. von uns leidet daran. Und die Schilddrüsenüberfunktion, die meist zur Diagnose führt, gehört zum einfachen Internistenalltag. Meist dauert es in der Praxis dann doch eine Weile, bis man auch die Blutabnahme durchgeführt hat, die eine Schilddrüsenüberfunktion beweist und bis die Pharmazeutika greifen, die man hier gerne für die Behandlung einsetzt. Man bestimmt zu diesem Zweck die freien Schilddrüsenhormone im Blut, fT3 und fT4, die dann im Krankheitsfall auf das Doppelte, mitunter das Zehnfache erhöht sind, und weiß dann ungefähr, womit man es zu tun hat. Nicht nur, dass eine Schilddrüsenüberfunktion vorliegt, sondern auch, wie stark wohl die Dosis der Gegenmittel angesetzt werden muss. Je stärker die Ausprägung der „Hyperthyreose“, wie sie auch heißt, desto höher dosiert man die Schilddrüsenblocker und desto länger dauert es im Regelfall dann auch, bis wieder ein Normalzustand herbeigeführt werden kann. Ein weiterer Wert, der hier eine wertvolle Aussage liefern kann, ist das

TSH

Es handelt sich dabei um einen Botenstoff der Hirnanhangsdrüse, der bei Schilddrüsenüberfunktion erniedrigt ist. Dieses „Thyreoidea-stimulierende Hormon“ ist praktisch eine Botschaft des Gehirns an die Schilddrüse. Diese Botschaft lautet: Je höher ich bin, desto härter muss du arbeiten. Je stärker das TSH ansteigt, desto stärker wird die Schilddrüse zur Produktion von T4 angetrieben. Arbeitet sie hingegen zu heftig, geht auch das TSH zurück, weil das Gehirn merkt, dass es zu stark stimuliert wird. Ist das der Fall, drosselt es die Bildung von TSH, und das zuletzt bis auf Null. Unter Null geht leider nicht, und das ist auch der Grund, warum wir überhaupt manche Schilddrüsenüberfunktionen als Krankheitsbilder behandeln müssen: Weil der körpereigene Versuch der Regulation gescheitert ist. Die Dokumentation dafür ist ein nicht mehr messbares TSH. Dieser Nullzustand ist wie ein roter Alarmknopf, der dann angeht, wenn beispielsweise ein „autonomes Adenom“ vorliegt, also ein Schilddrüsenknoten, der völlig unbeeindruckt von Signalen des Gehirns Hormon produziert, so viel es ihm gefällt. Manche autonome Adenome müssen deshalb auch operativ entfernt werden. Weil sie unbelehrbar sind und stur, und „beratungsresistent“. Weil sie „ihr eigenes Ding durchziehen“ – eine Strategie, die zumindest im Körper nur selten von Erfolg gekrönt ist. Schilddrüsenzellen, die Ihnen (das heißt, Ihrem Gehirn) nicht gehorchen, können Sie nicht brauchen. Denn die Aufgabe des TSH ist es, die Schilddrüse in ihrer Funktion zu aktivieren oder zu dämpfen, und das unabhängig davon, wie viel Jod Sie aufnehmen. Und dieser Regelungsfaktor muss funktionieren, um gesund zu bleiben.

Dass der „rote Alarmknopf“ eines nicht mehr messbaren TSH übrigens auch angeht, wenn Sie dauernd Schilddrüsenhormone als Tablette zuführen, soll nebenbei erwähnt werden. Hier handelt es sich zwar nicht um eine Krankheit, sondern um eine effektive Therapie. Denn Sie wollen ja als Therapeut diesen Regelungsmechanismus des Körpers tatsächlich ausschalten, herausdrehen wie eine Sicherung. Und das können Sie, indem Sie ausreichende Menge von L-Thyroxin medikamentös verabreichen. Aber auch dieses Vorgehen der Schulmedizin ist zwiespältig. Denn es nimmt dem Gehirn und dadurch auch dem Menschen ein Grundrecht. Es ist einfach normal für das Gehirn, Körpervorgänge steuern zu wollen und auch zu müssen. Schaltet man diese Möglichkeit aus, ist das, wenn Sie die Körpergemeinschaft der Zellen als Demokratie auffassen wollen, gleichbedeutend mit einem politischen Umsturz, der Entmachtung eines Parlaments. Therapie in diesem Sinn ist Besatzung mit der Gefahr, dass sich im Körper revolutionäre Zellen bilden, die einen Umsturz dieser Besatzermacht planen. Ein Großteil der Beschwerden von Menschen, die eine Behandlung Ihrer Hashimoto mit L-Thyroxin entwickeln, entstehen aus diesem Zusammenhang heraus.

Beim Basedow liegt eine besondere Form der Schilddrüsenüberfunktion vor, nämlich eine schreiende, bunte Maximalversion davon. Hyperthyreose XXXL, könnte man salopp dazu sagen. Sie entsteht dadurch, dass der Körper einen Antikörper bildet, der gegen den Rezeptor für das TSH in der Schilddrüse gerichtet ist, jene Stelle, an der das TSH andocken möchte. Dieser Wert ist unter dem Kürzel

TRAK

bekannt, ein Akronym für: Thyreotropin-Rezeptor-Antikörper. Der TRAK ist für den Basedow typisch und bezeichnet diese Krankheit. Verkürzt kann man sagen, dass jeder Mensch, der TRAK aufweist, an Basedow erkrankt ist, und dass die Höhe dieses Antikörpers uns erzählt, wie schlimm es mit der Krankheit steht. Wenn der TRAK hoch ist, dann schwimmen jede Menge Antikörper im Blut herum, die sich in der Schilddrüse an jene Stellen heften, die eigentlich für das TSH bestimmt sind. Sie erregen diese Stellen, und die Folge: Es findet sich eine Schilddrüsenüberfunktion, die der Körper überhaupt nicht mehr steuern kann. Denn die Alarmglocken schrillen unablässig, und die Schilddrüsenzellen produzieren in voller Fahrt Hormone in der Ansicht, sie müssten das, weil schließlich das Gehirn über seinen Boten TSH meint, das wäre auch notwendig. Doch diese Botschaft ist eine Täuschung. Es ist gar nicht das TSH, dessen Information man empfangen hat, sondern es liegt eine Verwechslung vor, ein Missverständnis. Das Immunsystem des Körpers meint, einen Stoff bilden zu müssen, der die Schilddrüse zu einer dauernden Leistung anhält, und damit den Stoffwechsel aller Körperzellen befeuert. Und die Schilddrüse meint, dass ihr das Gehirn diese Überfunktion befiehlt.

Der TRAK-Wert ist also eine Metapher, ein Begriff in der Sprache des Körpers, der ins Deutsche ungefähr so übersetzt werden könnte: „Egal, was du selbst meinst, leisten zu wollen, du darfst dich nicht ausruhen, du darfst in deinen Anstrengungen nicht nachlassen, weil es sich von selbst versteht, dass du im Leben immer alles geben, und mehr leisten musst als andere.“ Wir erkennen hier in einem Eiweißkörper, den das Immunsystem bildet, die Umsetzung eines krankmachenden Konflikts, den man im Leben von Menschen mit Basedow unweigerlich findet. Sie haben immer jemanden – oft ist es die fordernde Mutter – die sie zu Höchstleistungen anspornt, und denen Basedow-Kranke glauben, genügen zu müssen. Es sind Menschen, die sehr stark mit ihrem Selbstwertgefühl kämpfen. Heilung kann hier nur passieren, indem man erkennt und verinnerlicht, dass das Leben nicht für Leistungen da ist, sondern um gelebt und genossen zu werden. Dass man genauso viel wert ist, wenn man das Leben genießt und sich an den Dingen des Lebens erfreut.


Biologische Schilddrüsenblocker

Sie haben die Fähigkeit, einem hohen Jodgehalt in der Nahrung entgegenzuwirken. Wenn Sie schulmedizinisch gegen den Basedow vorgehen und Thiamazol, Carbimazol oder Propyl-Thiouracil einnehmen, verwenden Sie chemisch ähnliche Substanzen, wie man sie auch in Nahrungsmitteln findet. 

Zwiebeln und Knoblauch, aber auch Bärlauch enthalten natürliche Schilddrüsenblocker, die chemisch ähnlich stark wirken wie Propyl-Thiouracil. Die chemische Bezeichnung lautet: N-Propyldisulfid. Ähnlich steht es mit den schwefelhaltigen Kohlgerichten. Weißkohl, Rosenkohl, Broccoli – sie alle bremsen auf biologische Weise die Schilddrüse. Rohe Sojabohnen können bis zu 30 Prozent der Schilddrüsenhormone aus dem Blut in den Darm ziehen und damit aus dem Kreislauf entfernen. Eine ähnliche Wirkung haben Erdnüsse. Sie enthalten Phenole, die Tyrosin binden, weshalb der Schilddrüse die Aminosäure entzogen wird, die sie braucht, um Schilddrüsenhormone aus Jod zu bilden. Natürliche Schilddrüsenblocker sind auch in der Pearl-Hirse vorhanden. Einer der Wirkstoffe in verschiedenen Hirsearten ist Thiocyanat, das auch in Aprikosen, Pfirsichkernen, in Äpfeln und im Leinsamen vorkommt. Ein besonders effektiver Schilddrüsenblocker wird in der wilden Tamarinde, der Weißkopfmimose, gefunden. Er heißt 3,4-Dihydropyridin und wirkt etwa so stark wie Propyl-Thiouracil. Bei uns ist diese Hülsenfrucht nur wenig bekannt, eine asiatische Variante hat aber zunehmend Einzug in die Asialäden und Bioläden gefunden. Reizvolle Möglichkeiten für Menschen mit Basedow, regelmäßig Tamarinde zu sich zu nehmen, sind Tamarindenextrakt (bekannt als Asem), eine Tamarinden-Limonade (beispielsweise im Handel erhältlich unter dem Namen „Colombiana“) oder Tamarindenkonfekt. Nehmen Sie diese genannten Nahrungsmittel reichlich zu sich. Es gibt einige Patientinnen in meiner Betreuung, die allein durch eine Nahrungsumstellung unter Nutzung möglichst jodarmer und möglichst schilddrüsenblockerreicher Speisen ihren Basedow zuerst in den Griff bekommen und dann auch ausgeheilt haben.

Eine pflanzliche Arznei, die in unserem Kulturkreis außerdem seit Jahrhunderten bei Schilddrüsenüberfunktion in Form einer Tinktur in Anwendung steht, ist das Wolfstrappkraut, Lycopus europaeus (z. B. thyreologes®-Tinktur). In Fällen einer leichteren Schilddrüsenüberfunktion kann man beispielsweise mit 3 x 20 Tropfen beginnen und kann dabei einen natürlichen Schilddrüsenblocker in einer berechenbaren Dosierung anwenden, anstatt zu Carbimazol oder Thiamazol zu greifen.


(Weitere Infos entnehmen Sie meinem Buch "Basedow Healing" oder Hashimoto & Basedow", erschienen im Herbig Verlag in München).